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Sitten und Gebräuche

Vorwort

Seite 1

 

Eine der frühen Erinnerungen ist die, daß Buben und Mädchen Röcke trugen, und es war schon eine große Begebenheit, als es für Buben die ersten Hosen gab. Alle Hosen waren lang, für alle Altersklassen gleich. Dazu gab es den gestrickten „Wammes", ein praktisches Kleidungsstück für jedes Alter. Erst später gab es die Montur oder das Gewand, bestehend aus Hose, Weste und Kutte. Der heimische Ausdruck Montur oder Gewand wandelte sich später um in „Anzug". Das waren die Kleider der Kinder, die die Dorfstraße bevölkerten. In dieser Zeit sah am frühen Morgen die aufgehende Sonne Gänseherde, Schweine- und Schafherde, von ihren Hirten getrieben, ihren Weideplätzen zueilen. Dies waren zu damaliger Zeit bekannte Erscheinungen. Daß aber auch der Kuhhirt mit den Rindern auszog, daran konnten sich alte Leute noch gut erinnern. Die Gepflogenheit wurde so gegen 1866 eingestellt. Später diente das große Kuhhorn dem Kuhhirten, der auch Nachtwächter war, zur Angabe der Nachtstunden. Es wurde abends um 21, 22, 23 und 24 Uhr geblasen. Dieser Brauch fand seine Krönung am Silvesterabend. Punkt 24 Uhr verkündete der Nachtwächter mit seinem Horn das Ende der 12. Stunde - und während die Kirchenglocken das neue Jahr einläuteten, sang er mit lauter Stimme: „Hört ihr Leut und laßt euch sagen, unsere Glock hat 12 geschlagen, 12 ist das Ziel der Zeit, Mensch bedenk die Ewigkeit, alle Sterne müssen schwinden und der Tag wird sich einfinden, danket Gott, der uns die Nacht so väterlich bewacht."

 

Um diese Zeit hörte man auch bei Einbruch der Winterzeit (etwa bis März) an den Wochentagen abends 20 Uhr die Kirchenglocken läuten. Es war dies den auf den damaligen Verkehrsstraßen (Stockstädter-Mainzerstraße) befindlichen Frachtfuhrwerken und Wanderern ein Zeichen, daß sie sich in der blähe des Dorfes befanden und sich ihnen Gelegenheit zum Übernachten bot. Erst mit dein Bau der Babenhäuser- und Seligenstädter Straße (1863) und mit dem Bau unserer Eisenbahn (1896) war das 20 Uhr-Abendgeläute nicht mehr nötig.

 

Von der dörflichen Romantik dieser Zeit kann man sich am besten ein Bild machen, wenn man sich vorstellt, daß der Nachtwächter im Herbst und Winter, wenn es dunkelte, allabendlich an bestimmten Stellen des Ortes aufgehängte Petroleumlaternen anzündete, um sie bei Morgengrauen wieder auszulöschen. Auch mußte er in der Heuernte die Mäher wecken, wenn sie zum Mähen in die weltentfernten umliegenden Gemarkungen rechtzeitig aufstehen mußten. Fahrräder gab es zu dieser Zeit noch nicht, und an Mähmaschinen war noch gar nicht zu denken. Zum Heumachen gab r.ti natürlich Schulferien, die von den schulpflichtigen Kindern mit Freuden begrüßt wurden. Nach getaner Herbstarbeit wurde es ruhiger im Dorfe, da begannen die Zeiten der Spinnstuben.

 

Es war nach alten Zeiten gebräuchlich, daß die konfirmierten Mädchen je nach Alter sich regelmäßig in Spinnstuben versammelten, wo das Garn gesponnen wurde, im Winter nach 5 bis 10 Uhr abends.